top of page

Nur noch eine Kachel unter vielen

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Der Geschäftsführer steht vor der Belegschaft und beschwört die Kraft des gemeinsamen Büros. Zusammenarbeit, Nähe, Kultur - die großen Worte sitzen. Zwanzig Minuten später fällt hinter ihm die Tür zum Einzelbüro ins Schloss. Wer ihn danach sprechen will, braucht einen Termin.


In dieser Szene steckt das ganze Paradox der Präsenzdebatte: Ausgerechnet jene, die im Büro oft am wenigsten zugänglich sind, verlangen von anderen am entschiedensten Anwesenheit.


Die Kernthese: Eine Organisationsentscheidung, die eigentlich persönlich ist


Die gängige Erklärung klingt harmlos: Führungskräfte wollten eben Vertrauen sichern, spontane Gespräche ermöglichen, Teamgefühl erhalten. Doch eine sechsjährige Studie der Wharton School legt nahe, dass hinter der Büropflicht oft weniger Organisationslogik steckt als Selbstbild.


Adam Grant, Marissa Shandell und Courtney Elliott befragten mehrere Hundert Führungskräfte, viele aus Fortune-500-Unternehmen, und verglichen deren Haltung zu Homeoffice und hybrider Arbeit mit Persönlichkeitsmerkmalen. Nicht fehlendes Vertrauen, nicht der Wunsch nach echtem Austausch erklärte die Ablehnung besonders zuverlässig. Ein Merkmal stach heraus: Narzissmus. Die These ist unbequem, aber klar: Präsenzpflicht wird gern als Unternehmensinteresse verkauft - und bedient doch mitunter vor allem das Bedürfnis einzelner Führungskräfte nach Kontrolle, Sichtbarkeit und Bedeutung.


Wie man ein Ego misst, das sich nicht messen lässt


Narzissmus trägt selten ein Namensschild. Also suchten die Forschenden nach Spuren: nach Mustern, die frühere Studien bereits als belastbare Hinweise auf narzisstische Tendenzen in Chefetagen beschrieben hatten. Ein Indikator war das eigene Gehalt im Verhältnis zum übrigen Führungsteam.


Je größer der Abstand, desto stärker zeigte sich zugleich das Streben nach weiteren Vorstandsposten, nach Macht, nach Status. Und genau diese Personen äußerten sich in den ersten beiden Pandemiejahren besonders ablehnend gegenüber Homeoffice und Remote-Arbeit.

In ihrem Gastbeitrag für die New York Times verdichten Grant, Shandell und Elliott den Befund zu einer einfachen Linie:

Wer sich selbst besonders groß macht, will offenbar auch den Raum kontrollieren, in dem andere arbeiten.

Das ist mehr als eine Randnotiz der Arbeitswelt. Denn die Frage nach dem Arbeitsort wird damit zur Machtfrage. Wer entscheidet, wo gearbeitet wird, entscheidet nicht nur über Kalender, Pendelzeiten und Schreibtische. Er entscheidet auch darüber, wie sichtbar Autorität bleibt. Das Büro ist dann nicht bloß ein Ort der Zusammenarbeit, sondern eine Bühne - und Homeoffice der Moment, in dem das Licht auf dieser Bühne schwächer wird.


Die Kachel, das Eckbüro und der Preis der Sichtbarkeit


In der Videokonferenz schrumpft selbst das größte Ego auf Bildschirmgröße.

Die Führungskraft erscheint im gleichen Raster wie alle anderen: keine offene Tür, kein Eckbüro, kein Vorzimmer, kein räumlicher Vorsprung.

Status, der im Büro Architektur hat, wird digital zur Kachel. Zoom, Slack und Teams ersetzen nicht den unmittelbaren Zugriff auf den Schreibtisch nebenan - und schon gar nicht das Gefühl, dass die eigene Stellung sichtbar über der anderer steht.

Genau hier wird der Konflikt greifbar: Es geht nicht nur darum, ob Menschen im Homeoffice arbeiten. Es geht darum, ob Führung dort noch groß genug aussieht.


Der Preis dieser Symbolpolitik kann hoch sein. Eine weitere Studie unter Beteiligung der Techniker Krankenkasse, die im selben Zusammenhang aufgegriffen wird, kommt zu einem produktivitätsfreundlichen, aber differenzierten Befund: Homeoffice kann die Produktivität um rund 20 Prozent steigern - allerdings nur bis zu einem Anteil von etwa 60 Prozent. Danach leidet der fachliche Austausch, und der positive Effekt kippt.


Wer Produktivität ernst nimmt, müsste also hybride Modelle klug ausbalancieren. Wer sie pauschal zurückdreht, riskiert, genau das zu schwächen, was er offiziell stärken will.


Synthese: Wessen Bedürfnis eine Regel wirklich bedient


Der eigentliche Wert der Studie liegt deshalb nicht in einem weiteren Pro-oder-Contra-Argument zum Homeoffice.

Er liegt in der Entlarvung einer Verschiebung. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob Homeoffice funktioniert. Dafür gibt es längst Daten. Die schärfere Frage lautet: Wessen Bedürfnis wird bedient, wenn Präsenz verlangt wird - das des Unternehmens oder das derer, die sich ohne sichtbare Gefolgschaft kleiner fühlen?


Ich kenne dieses Muster aus eigener Erfahrung, wenn auch von der anderen Seite des Tisches. Als Abteilungsleiter habe ich mehrfach für ein hybrides Modell mit 60 Prozent Homeoffice geworben: mit Zahlen, Argumenten und der Überzeugung, dass genau dieser Rahmen für das Team am sinnvollsten wäre.

Am Ende wurden es 40 Prozent.

Es wurden keine Gegenargumente diskutiert, die Ebenen wollten es so.

Offiziell ging es um Zusammenarbeit. Heute frage ich mich: Wie viel davon war tatsächlich Zusammenarbeit - und wie viel war der Wunsch, das Team im Blick zu behalten?

Damals habe ich die Begründung zähneknirschend akzeptiert. Und da liegt genau das Problem: In Unternehmen werden plausible Erklärungen selten seziert, wenn sie von weit genug oben kommen.


Die übergeordnete Frage


Am Ende bleibt eine Frage, die weniger in die Personalabteilung gehört als in den Spiegel jeder Führungskraft: Warum stört mich der Gedanke, in einer Videokonferenz nur noch eine Kachel unter vielen zu sein?

Wer darauf ehrlich antwortet, ist dem Kern der Präsenzdebatte näher als viele Policy-Papiere. Bevor also die nächste Büropflicht verkündet wird, sollte geklärt sein, wem sie nützt: dem Unternehmen - oder dem Ego, das wieder eine Bühne braucht.


Hinweise zu den herangezogenen Forschungslinien


Die wichtigste Forschungslinie stammt von Adam Grant, Professor für Psychologie an der Wharton School der University of Pennsylvania, sowie von Marissa Shandell und Courtney Elliott. Über sechs Jahre hinweg untersuchten sie in drei Teilstudien mehrere Hundert Führungskräfte, darunter zahlreiche aus Fortune-500-Unternehmen. Ihre Ergebnisse machten sie zusätzlich in einem gemeinsamen Gastbeitrag in der New York Times öffentlich.


Ergänzend wird eine Studie unter Beteiligung der Techniker Krankenkasse zur Produktivität im Homeoffice herangezogen.


Aufgegriffen wird sie in Noëlle Böllings t3n-Artikel „Zurück ins Büro: Was Narzissmus mit der Abschaffung von Homeoffice zu tun hat“, erstmals veröffentlicht am 25. Juni 2026 und aktualisiert am 30. August 2026.

 

bottom of page