Das Paradoxon des widerstrebenden Leaders
- Alexander Wehl

- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Dieser Podcast untersucht das Phänomen der zurückhaltenden Führung, bei der fähige Personen ohne ausgeprägtes Machtstreben bedeutende Rollen übernehmen.
Am Beispiel von Anne Mulcahy (Xerox) und anderen historischen Persönlichkeiten wird verdeutlicht, wie Demut, emotionale Intelligenz und starke Kommunikation zum Unternehmenserfolg führen können. Dennoch übersehen Personalabteilungen häufig dieses verborgene Talent, da sie fälschlicherweise Selbstvermarktung und den Willen zur Macht mit Kompetenz gleichsetzen.
Wir analysieren zudem Machtstrukturen und die besonderen Herausforderungen für introvertierte und neurodivergente Führungskräfte, die oft alternative Strategien benötigen.
Organisationen wird empfohlen, ihre Auswahlkriterien zu überdenken, um authentische Führung zu fördern und das Risiko von Fehlentscheidungen durch bloße Ambition zu verringern.
Damit plädiere ich für eine neue Definition von Führungserfolg, die den Fokus auf kollektives Wohl und langfristige Stabilität legt.
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Weitergehende Informationen zu dem Thema:
Der widerstrebende Anführer: Warum die besten Führungskräfte oft diejenigen sind, die es nie sein wollten
Einleitung:
Das Paradox der Führung
Was wäre, wenn die ehrgeizigsten und selbstbewusstesten Menschen nicht immer die besten Anführer sind?
Diese Frage stellt eine der grundlegendsten Annahmen über Führung in Frage. Wir neigen dazu, Führung mit dem Streben nach Macht, unerschütterlichem Selbstvertrauen und dem Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, zu verbinden. Doch die Geschichte und die moderne Forschung zeichnen ein anderes, weitaus nuancierteres Bild. Sie stellen uns das Konzept des „widerstrebenden Anführers“ vor – eine Person, die zögert, eine Führungsposition zu übernehmen, aber oft überraschend effektiv ist, wenn sie es tut.
Die zentrale These lautet: Zögern und Bescheidenheit sind keine Schwächen, sondern können unerwartet starke Führungsqualitäten sein.
Dies ist keine bloße Anekdote. Eine Studie der University of California ergab, dass Teams, die von Führungskräften mit geringerem Machtstreben, aber hohem Verantwortungsbewusstsein geführt wurden, in Bereichen wie Zielerreichung, Teamzusammenhalt und Fehlerkultur um bemerkenswerte 24 % besser abschnitten.
Lassen Sie uns dieses faszinierende Paradoxon anhand eines der berühmtesten Beispiele der Geschichte erkunden.
Der Archetyp:
Wenn Pflicht über Ehrgeiz siegt
George Washington ist der klassische Archetyp des widerstrebenden Anführers. Nach dem Sieg im Revolutionskrieg war sein größter Wunsch, sich auf seine Farm in Mount Vernon zurückzuziehen. Er strebte nicht nach politischer Macht; er sehnte sich nach einem Leben als Landwirt. In einer Zeit, in der die Welt von Monarchen und Machtgierigen regiert wurde, war Washingtons Zögern nicht nur eine persönliche Eigenschaft, sondern ein revolutionäres politisches Statement: Die Macht sollte dem dienen, der sie nicht für sich selbst begehrt.
Doch als sein Land ihn rief, um der erste Präsident zu werden, folgte er dem Ruf aus einem tiefen Pflichtgefühl heraus. Sein Zögern war echt und tiefgreifend. In seinen eigenen Worten beschrieb er den Moment, als er die Präsidentschaft antrat, als eine Zeit, die ihn mit „mehr ängstlichen und schmerzhaften Empfindungen erfüllte, als ich mit Worten ausdrücken kann.“ Washingtons Antrieb war nicht der persönliche Ehrgeiz, sondern ein unerschütterliches Verantwortungsbewusstsein gegenüber der jungen Nation.
Washingtons Zögern entsprang tiefen und nachvollziehbaren Gründen, die auch heute noch bei vielen potenziellen Führungskräften zu finden sind.
Die Wurzeln des Zögerns:
Warum zögern fähige Menschen zu führen?
Fähige Menschen zögern oft aus guten Gründen, eine Führungsrolle zu übernehmen. Ihr Zögern ist selten ein Zeichen von Inkompetenz, sondern vielmehr von einem tiefen Verständnis für die damit verbundenen Herausforderungen.
Selbstzweifel und das Impostor-Syndrom
Selbst hochqualifizierte und erfolgreiche Personen wie Sheryl Sandberg, die COO von Facebook, gaben zu, Vorbehalte gegen die Führung gehabt zu haben. Diese Zweifel rühren oft von der Angst her, den Erwartungen nicht gerecht zu werden oder nicht qualifiziert genug zu sein – ein klassisches Merkmal des Impostor-Syndroms.
Die Last der Verantwortung Führung bedeutet, schwierige zwischenmenschliche Entscheidungen zu treffen. Die Notwendigkeit, Mitarbeiter zu entlassen, negatives Feedback zu geben oder unpopuläre Entscheidungen zu treffen, stellt eine erhebliche emotionale Belastung dar, die viele fähige Menschen scheuen.
Sorgen um die Work-Life-Balance Die Befürchtung, dass die zunehmenden Anforderungen einer Führungsrolle das Privatleben und die familiären Verpflichtungen beeinträchtigen, ist ein weit verbreiteter und legitimer Grund für Zögern.
Ambivalenz gegenüber der Rolle Psychologen bezeichnen dies als einen „Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt“. Eine Führungsrolle hat sowohl wünschenswerte als auch unerwünschte Aspekte. Sie sehen die Chance, ein Team zu formen und strategische Weichen zu stellen (Annäherung), fürchten aber gleichzeitig die politischen Ränkespiele und die persönliche Last unpopulärer Entscheidungen (Vermeidung).
Genau diese Zurückhaltung, die aus Selbstreflexion und einem Bewusstsein für die Tragweite der Rolle entspringt, kann jedoch zur Quelle außergewöhnlicher Effektivität werden.
Das Geheimnis der Effektivität:
Die verborgenen Stärken des Zögerns
Der Managementforscher Jim Collins identifizierte in seinem bahnbrechenden Buch Good to Great ein gemeinsames Merkmal der erfolgreichsten Führungskräfte: die „Level 5 Führung“. Dieses Konzept beschreibt eine paradoxe Mischung aus tiefer persönlicher Bescheidenheit und intensivem beruflichem Willen.
Level-5-Führungskräfte sind oft zurückhaltend und ruhig, besitzen aber eine unerschütterliche Entschlossenheit, alles Notwendige zu tun, um ihr Unternehmen großartig zu machen.
Ein Paradebeispiel ist Darwin Smith, der CEO, der Kimberly-Clark transformierte. Smith war ein bescheidener Mann, der nach seiner Ernennung bezweifelte, ob der Vorstand die richtige Wahl getroffen hatte. Kurz darauf erhielt er eine Krebsdiagnose, doch er blieb unbeirrt. Er traf die mutige Entscheidung, die traditionellen Papierfabriken des Unternehmens zu verkaufen, um voll in den Konsumgütermarkt zu investieren – eine Entscheidung, die die Wall Street scharf kritisierte. Diese unerschütterliche Entschlossenheit, gepaart mit seiner Bescheidenheit, machte Kimberly-Clark zu einem Branchenführer.
Der widerstrebende Anführer ist die moderne Verkörperung dieses Archetyps. Seine Stärke liegt in dem, was Forscher als „Soft Power“ bezeichnen – die Fähigkeit, durch Einfluss, Überzeugung und Vorbild zu führen, anstatt durch Befehl und Kontrolle („Hard Power“). Dieser „Soft Power“-Ansatz ist der Mechanismus, durch den der bescheidene, aber willensstarke Level-5-Anführer außergewöhnliche Ergebnisse erzielt. Er fördert, wie Studien von Zigarmi et al. zeigen, eine optimale Motivation im Team, die auf Vertrauen, psychologischer Sicherheit und intrinsischem Antrieb basiert.
Der Kontrast zwischen dem widerstrebenden und dem karriereorientierten Führungsstil lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Eigenschaft | Widerstrebender Anführer (Soft Power) | Karriereorientierter Anführer (Hard Power) |
Primäre Motivation | Verantwortungsbewusstsein, die Sache voranbringen | Status, persönliche Ambition |
Führungsstil | Dienend, ermöglichend (Servant Leadership) | Kontrollierend, statuszentriert |
Entscheidungsfindung | Reflektiert, integrativ, hört zu | Reaktiv, auf Kennzahlen fokussiert |
Auswirkung auf das Team | Fördert optimale Motivation, Vertrauen, psychologische Sicherheit | Führt zu suboptimaler Motivation (externe Regulierung) |
Trotz dieser offensichtlichen Vorteile neigen Organisationen dazu, genau diese Art von Führungskräften zu übersehen.
Der blinde Fleck der Organisation: Warum wir die falschen Führungskräfte auswählen
Organisationen leiden unter einem sogenannten „Misrecognition Problem“, einem systematischen Fehler bei der Talent-Erkennung.
Sie übersehen oft widerstrebende Führungskräfte, weil diese nicht dem Prototyp eines „geborenen Anführers“ entsprechen – jemand, der selbstbewusst, ehrgeizig und entscheidungsfreudig auftritt.
Diese Voreingenommenheit führt zu alarmierend hohen Ausfallraten von bis zu 40 % in High-Potential-Programmen.
Das Paradoxe ist: Organisationen wählen systematisch die Kandidaten mit der geringsten Zurückhaltung (Low RTL), weil sie dem Prototyp des ambitionierten Machers entsprechen.
Die höchste Führungseffektivität findet sich jedoch bei jenen mit moderater Zurückhaltung (Medium RTL) – genau die Gruppe, die am seltensten befördert wird. Dies ist der Kern des „Misrecognition Problems“ und ein teurer blinder Fleck.
Ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn Organisationen eine unkonventionelle Wahl treffen, ist Anne Mulcahy, die „zufällige CEO“ von Xerox. Im Jahr 2000 stand das Unternehmen mit über 17 Milliarden Dollar Schulden kurz vor dem Bankrott. Mulcahy, die keinen MBA hatte und nicht für die Rolle vorgesehen war, übernahm das Ruder. Sie gab offen zu, nicht alle Antworten zu haben, baute aber durch ehrliche Kommunikation und das Einbeziehen von Experten Vertrauen auf. Ihr Erfolg beweist, was möglich ist, wenn der Antrieb Pflicht und nicht persönlicher Ehrgeiz ist – die Verkörperung des effektiven „Medium RTL“-Profils, das beinahe übersehen worden wäre.
Es ist an der Zeit, diese Erkenntnisse auf den eigenen Weg anzuwenden und die persönliche Vorstellung von Führung neu zu bewerten.
Fazit:
Definieren Sie Ihren eigenen Führungsweg neu
Effektive Führung ist keine Frage der Lautstärke oder des unbändigen Ehrgeizes. Sie ist eine Frage der Substanz, der Bescheidenheit und des Willens, einer Sache zu dienen, die größer ist als man selbst.
Der widerstrebende Anführer verkörpert dieses Prinzip. Sein Zögern ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Indikator für Reflexion, Verantwortungsbewusstsein und Demut.
Betrachten Sie dieses Zögern also nicht als Defizit, sondern als Ihr wertvollstes Kalibrierungswerkzeug. Es ist das untrügliche Zeichen dafür, dass Sie das Gewicht der Verantwortung spüren – die grundlegende Voraussetzung für jede Form echter Führung. Es könnte das Potenzial für eine authentische und dienende Führung sein, die Teams stärkt, anstatt sie zu dominieren.
Von Washingtons Republikgründung bis zu Mulcahys Sanierung von Xerox zeigt sich ein Muster:
Wahre Führung ist keine Übernahme, sondern eine Dienstleistung.
Der Philosoph Laozi fasste es vor über zweitausend Jahren treffend zusammen: Der beste Führer ist der, dessen Existenz kaum bemerkt wird. Wenn seine Arbeit getan ist, sein Ziel erreicht ist, wird sein Team sagen: „Wir haben es selbst getan.“
Wahre Führung schafft die Bedingungen für den Erfolg anderer, nicht eine Bühne für den eigenen.
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